Discover interior ideas » Artikel von: Petra Lüdemann

Das Zuhause der Zukunft

Der Klimawandel konfrontiert die Menschen zunehmend mit extremen Wetterbedingungen wie Tornados. Die Bevölkerung der Welt wächst stetig. Die UN sagt voraus, dass die Weltbevölkerung schon 2100 die 10 Milliarden Marke sprengen wird; es wird also eng. Immer vernetztere Technologien verändern schon heute wie wir leben und es stellt sich die Frage: Wie wird das in Zukunft aussehen? Was werden wir einmal unser Zuhause nennen?

Sicherlich eines der spannendsten Konzepte hat der Architekt Victor Vetterlein mit seinem völlig autark funktionierenden Haus Reboot entwickelt. Hierbei berücksichtigt er vor allem die Verknappung fossiler Rohstoffe und setzt auf Windenergie und Aufbereitung von Regenwasser. Dezeen stellt seine Ideen ausführlich vor: http://www.dezeen.com/2008/05/13/reboot-by-victor-vetterlein/

Besonders platzsparend ist der Entwurf Weave Urban Housing des Architekturprojektes Meridian 105 Architecture, gegründet von Architekt Chad Mitchell. Seine multifunktionale Wohneinheit ist so angelegt, dass bei optimaler Platzausnutzung die Räume trotzdem besonders lichtdurchflutet sind. Mehr Infos gibt es hier: http://www.architecturenewsplus.com/projects/1768

Auf die Problematik des Platzmangels geht auch der Grafikdesigner Timon Sager ein. Er hebt sich von herkömmlichen Wohnkonzepten sprichwörtlich ab, indem er die gesamte Wohnung in die Luft schickt. Für ihn bedeutet die Ungebundenheit an einen bestimmten Fleck auf der Erde die Freiheit der Zukunft. Auf seiner Website stellt er sein Projekt genauer vor: http://www.timonsager.com/Wolke7.html

Eine Galerie weiterer Ideen verschiedenster Architekten gibt es hier: http://www.forbes.com/pictures/elfk45ifj/tornado-proof-home/#gallerycontent

Letztendlich werden wir immer stärker berücksichtigen müssen, dass die Ressourcen knapp werden. Jeder ist also gefragt, nachhaltig zu denken und zu planen. Und genau damit beschäftigen wir uns auch in den nächsten Wochen im Rahmen des Themen-Specials Green Design. Bleibt also dran!

imm cologne lädt ein: Designtalente für die große Bühne gesucht

Die Nachwuchsplattform D3 Design Talents mit dem Forum „D3 Professionals“ und dem Wettbewerb „D3 Contest“ dient der Förderung junger Designer. Hier trifft experimentelles Design auf internationales Fachpublikum.

D3 Design Talents
D3 Design Talents

D3 Contest: Bewährtes Wettbewerbsformat für den Einrichtungssektor

Der Nachwuchswettbewerb „D3 Contest“ ist eine der renommiertesten Plattformen, auf denen sich junge Designer mit ihren Prototypen, Designkonzepten, aktuellen Ideen und Entwürfen für Möbel, Wohnaccessoires, Leuchten, Bodenbeläge, Tapeten, Textilien und andere Einrichtungsobjekte der Öffentlichkeit präsentieren können. Rund zwanzig Beiträge werden jedes Jahr durch ein Expertengremium nominiert und im Rahmen einer Ausstellung dem internationalen Messefachpublikum und der Presse vorgestellt. Aus den Top 20 kürt dann eine Fachjury die drei talentiertesten internationalen Nachwuchsdesigner 2014 mit dem Interior Innovation Award.

Traditionell finden sich im Rahmen des D3-Contests viele unkonventionelle Entwürfe, die sich im Spannungsfeld von reinem Experiment und potenziellem Serienprodukt bewegen. So sieht der dänische Designer Rasmus Fex, der 2013 als Nominee bei der D3-Contest-Ausstellung teilnehmen konnte, seine Arbeiten im Grenzbereich zwischen Kunst und Design angesiedelt: „Ich mache sie selbst und in kleineren Stückzahlen. Für mich gibt es da ganz klar eine Welt außerhalb der Serienproduktion.” Und auch der Amsterdamer Designer Lex Pott hebt bei seinem Kölner Auftritt die Bedeutung dieser Marktnische hervor: „Die Welt der Kleinserien und One-Offs ist sehr wichtig. Dieser Teil des Designs erneuert sich fortwährend und bringt das Design insgesamt weiter.“ Die imm cologne ist dafür eine gute Ausgangsbasis, denn schon viele der bei D3 nominierten Entwürfe fanden ihren Weg in die Kollektionen namhafter Hersteller.

D3 Professionals: Sprungbrett in den großen Markt

Das Forum „D3 Professionals“ wendet sich an unabhängige Designer und Designstudios, die nicht mehr als absolute Newcomer, aber auch noch nicht als etablierte Marktteilnehmer gelten können. Die Plätze sind limitiert, und ihre Vergabe ist an ein hohes Qualitätsniveau geknüpft. Für sie geht es vor allem darum, während der imm cologne konkrete Kontakte zu Herstellern und zum Handel aufzubauen.

Die Datenbank D³ Alumni wurde 2011 eröffnet, damit die D3 Design Talents Teilnehmer auch nach dem eigentlichen Messe-Event eine Plattform haben. Das Online-Verzeichnis enthält mittlerweile über 500 Designer, Produkte, Universitäten, Projekte und Installationen, die in den vergangenen Jahren in Köln vorgestellt wurden.

Anmeldeschluss für das Bewerbungsverfahren zum D3 Contest ist der 25. September; um einen Stand bei D3 Professionals können sich Designer noch bis zum 31. Oktober bewerben. Anmeldeunterlagen finden Sie hier.

 

Space Saving Design: Viele Ideen für wenig Raum

Wenn sich Wohnbedürfnisse verändern und Wohnraum schrumpft, sind intelligente Wohnkonzepte und multifunktionale Möbel gefragt, die neue Wohnzonen schaffen und vielfachen Nutzen bieten.

Ob im Privatleben oder im Beruf: Bindungen werden lockerer, Arbeit und soziale Kontakte verlagern sich in virtuelle Räume, die Mobilität nimmt zu. Wir leben heute hier, aber morgen schon auf einem anderen Kontinent, um uns übermorgen nach einer ganz anderen Bleibe umzusehen. Der moderne Mensch, konstatiert FAZ-Autorin Melanie Mühe, ist ein „Drifter“, der gedanklich auf gepackten Koffern sitzt und sein Zuhause weniger als Lebensmittelpunkt denn als Zwischenlager betrachtet. Flexibilität wird wichtiger als Gemütlichkeit. Damit hat die Schrankwand ausgedient; stattdessen beleben versenkbare Lösungen, multifunktionale Möbel und leichte Regalsysteme das Wohnzimmer. Variable Raumteiler schaffen neue Wohnzonen für individuelle Bedürfnisse.

Conceptual Living: Wände machen mobil

„Conceptual Living“ – die Auflösung starrer Raumstrukturen in flexibel veränderbare Raumzonen hat auch das Kelkheimer Zukunftsinstitut in seiner aktuellen Studie zur „Zukunft des Wohnens“ als einen zentralen Wohntrend des 21. Jahrhundert ausgemacht. Konsequent verfolgt der amerikanische Architekt Kent Larson, Leiter der „Changing Places Group“ des Massachusetts Institute of Technology (MIT), diese Idee. In seinem Vortrag „Brillant designs to fit more people in every city“ zeigt er, wie Apartments in konventionellen Gebäuden dank motorbetriebener Wände, die auf Knopfdruck ihre Position verändern, von den Bewohnern so gestaltet werden können, dass sie fast alle Wohnbedürfnisse erfüllen. So verwandelt sich der Wohnraum wahlweise in ein Gästezimmer, einen großen Speiseraum oder in ein Fitnessstudio.

Was bei Larson noch Konzept ist, hat der Hongkonger Architekt Gary Lang bereits umgesetzt: Wie er einen Wohn- und Schlafraum, Küche, Bad, Büro, Bibliothek, Gästezimmer und Medienraum auf 32 Quadratmetern untergebracht hat, ist bei Architektur & Wohnen zu sehen. Möglich machen es flexible Wände und Einbauten, die sich mittels Rollen am Boden und Schienen an der Decke zu immer neuen Varianten verschieben lassen. Auf den ersten Blick lässt sich kaum unterscheiden, was Wand und was Möbel ist.

Platz sparen mit multifunktionalen Möbeln

Maximales Wohnen auf kleinem Raum zu realisieren, beschäftigt nicht nur Architekten. Auch Möbeldesigner entwickeln intelligente, platzsparende Konzepte. Regale, aus denen mit einem Dreh ein Bett herauskommt, sind dabei noch eher konventionelle Lösungen. Dennoch: Sie sparen Platz und bieten Raum für Veränderungen – wie eine moderne Variante des bekannten Murphy Betts zeigt, die bei godownsize zu sehen ist.

Weiter geht der Berliner Ingenieur und Designer Rainer Graff. Er hat eine Lounge-Landschaft entwickelt, die sich komplett zusammenfalten lässt. Zu sehen bei Minimalisti.

Einen besonders vielseitigen Tisch hat der dänische Designer Sigurd Larsen kreiert. Sein Compact Café Table ist ganze 55 Zentimeter tief. Wenn man nicht gerade seinen Kaffee daran genießt, kann man ihn als Konsole an die Wand schieben und auch noch die dazugehörige Bank und die Stühle darunter verstauen. Besonders praktisch: Larsens Café Table lässt sich drinnen und draußen nutzen – perfekt für kleine Gärten. Gesehen bei STYL.IN.

Noch konsequenter lässt Orla Reynolds Tisch und Stühle verschwinden: Sie versenkt sie komplett in einem Regal – und für Bücher ist darin auch noch Platz. „As If From Nowhere“, heißt ihr bunt-minimalistisches Multifunktionsmöbel. Gesichtet auf Cabinet Space. Dort wird auch der faltbare Stuhl „Leaf Chair“ des New Yorker Designers Alexander Gendell vorgestellt. Der ungewöhnliche Stuhl mit einem Rahmen aus Aluminium-Verbundmaterial und einem robusten Netz-Sitz wird mit einem Handgriff zusammengefaltet und ist dann gerade mal knapp 2 Zentimeter dick.

Viele platzsparende Ideen stammen von asiatischen Designern, bei denen „Space Saving Design“ eine große Tradition hat. Eine ungewöhnliche Idee hatte der Koreaner Seung-Yong Song. Er hat seine Stühle mit Regalen (Objekt A) und Wäscheständern (Objekt E) überdacht; zu sehen auf hirnverbrandt.

Für alle, die viel unterwegs sind, haben Sebastian Mühlhäuser und Marcel Krings, Absolventen der Köln International School of Design, bereits 2008 ihre Casulo Magix Box entwickelt. Damit bieten sie Multifunktionsmöbel, die ohne große Umstände überall mit hingenommen werden können. In einer Box mit dem Grundmaß einer Euro-Palette verbirgt sich zum Beispiel eine komplette Zimmereinrichtung, die sich in Minutenschnelle ohne Werkzeug auf- und abbauen lässt.

P.S. Faltbare Möbel und Betten, die aus Schränken und Wänden herausklappen, sind übrigens keine neue Erfindung: Solche Konzepte gibt es seit der Frühzeit des Möbeldesigns. Der britische Designer Lloyd Alter zeigt in seinem Blog sogar eine Piano-Couch-und-Büro-Kombination, für die ein gewisser Charles Hess aus Cincinnati 1866 ein Patent erhielt.

Masterpieces of the past: Stil und Design in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Im ersten Teil unseres Design-Rückblicks auf das 20. Jahrhundert ging es um die Entwicklung von der Industrialisierung bis zum Zweiten Weltkrieg. Wie ging es dann weiter? Welche Entwicklungen brachte das Design des 20. Jahrhunderts noch hervor? Im zweiten Teil unserer Reihe beleuchten wir die dynamische Entwicklung des Designs der 50er Jahre bis heute.

Funktionalismus und Tütenlampen – das Design der 50er-Jahre

Nazi-Diktatur und Weltkrieg bedeuteten für die Entwicklung des Designs im Nachkriegseuropa eine harte Zäsur. Angesichts zerstörter Städte und Millionen Wohnungsloser standen Architektur und Interior-Design zunächst nicht auf der Agenda. Wer nicht ausgebombt war, nutzte sein altes Mobiliar weiter; wer keine Möbel mehr hatte, baute sich welche aus Fundstücken zusammen. Die wichtigste Designanforderung lautete: Es musste funktionieren und in beengte Wohnungen passen.

Doch bereits 1949 veranstaltete der nach dem Verbot durch die Nationalsozialisten wieder gegründete Deutsche Werkbund eine Wanderausstellung mit dem Titel „Die gute Form“. Das Stilideal der Ausstellung knüpfte an die funktionalen und ästhetischen Ideale des Bauhauses an; zugleich verband sich damit die Vorstellung, dass „guter Geschmack“ erlernbar sei. Zum konsequentesten Vertreter dieser Gestaltungslehre wurde die 1955 gegründete Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG), an der unter anderem Max Bill, Inge Scholl und Ludwig Mies van der Rohe wirkten. Die Ulmer Schule stellte den Gebrauchswert von Produkten über deren ästhetischen Wert und propagierte eine zweckorientierte Gestaltung. Ab Ende der 50er-Jahre kooperierte die HfG eng mit Unternehmen wie Braun, Lufthansa und der Deutschen Bahn. Legendär wurde das Design der Elektrogeräte von Braun unter Chefdesigner Dieter Rams. Mit ihrer Verbindung aus technischer Innovation und adäquater Formgebung üben die Braun Geräte bis heute einen enormen Einfluss aus – Apple-Designer Jonathan Ive beispielsweise ist bekennender Rams-Fan.

Max Bill: Ulmer Hocker
Max Bill: Ulmer Hocker
Dieter Rams: Stereoanlage SK61/Braun
Dieter Rams: Stereoanlage SK61/Braun („Schneewittchensarg“)

 

Im Nachkriegsdesign der USA setzten sich die Entwicklungen der Vorkriegszeit fort: Stilbildend wirkte das Organic Design des Designer-Paares Charles und Ray Eames. Die harmonisch gewölbten Formen ihrer Möbelstücke passen sich dem menschlichen Körper an und verkörpern so das Prinzip „Form follows function“. Eine ähnliche Formensprache findet sich auch im skandinavischen Design, zu dessen wichtigsten Vertretern Alvar Alto, Arne Jacobsen und Eero Saarinen gehörten.

Charles und Ray Eames: Lounge Chair (1956)
Charles und Ray Eames: Lounge Chair (1956)

Gleichzeitig sorgte das Stromlinien-Styling à la Raymond Loewy für Furore. Es prägte das Gesicht des American way

of life und wurde auch in Europa begeistert aufgenommen – ganz besonders im beginnenden „Wirtschaftswunderland“ Deutschland. Denn der dekorative Stil mit den elegant geschwungenen Linien und heiteren Farben erfüllte die Sehnsucht der Menschen nach einem farbigen, harmonischen Lebensumfeld. Tütenlampen, Nierentisch und Zuckerwatte-Farben wurden zu Symbolen für das Design der 50er-Jahre.

Nierentisch
Nierentisch

60er- und 70er-Jahre: Material-Experimente und Anti-Design

Die 60er-Jahre läuteten einen umfassenden Wandel auf allen Gebieten ein: gesellschaftlich, sozial, künstlerisch sowie technisch. Neue Materialien und Fertigungstechnologien machten die Möbelproduktion billiger: Kunststoffe, vor allem das fast beliebig form- und gießbare Polypropylen, wurden zum neuen Lieblingsmaterial der Designer und inspirierten zu experimentellen Formgebungen, wie der Panton Chair von Verner Panton und der Bubble Chair von Eero Aarnio zeigen.

Im Umfeld der Protest- und Emanzipationsbewegungen veränderte sich das Selbstverständnis der Designer: weg vom Produktstylisten für die Industrie hin zu einer größeren gestalterischen Freiheit. Auch Möbel und Objekte sollten nicht mehr in erster Linie funktional sein, sondern Spaß machen. Pop-Art und Flower Power, die ersten Schritte ins Weltall und der unbändige Fortschrittsoptimismus beflügeln neue Design- und Wohnutopien wie die futuristischen Wohnlandschaften von Joe Colombo. Aufgrund ihrer Formensprache mit abgerundete Ecken und Anleihen bei Science-Fiction-Filmen, wurde diese Phase auch „Space Age“ genannt. Runde Formen wurden auch zum Markenzeichen von Luigi Colani, der seine Inspirationen allerdings nicht aus der Technik, sondern aus der Natur bezog.

Verner Panton: Panton Chair
Verner Panton: Panton Chair

Seinen Zenit erreichte das „Space Age Design“ 1973. Die erste Ölkrise machte die Endlichkeit der Ressourcen bewusst und weckte das Bewusstsein für Umweltprobleme. Möbel und Objekte aus Kunststoff waren plötzlich verpönt, galten als billig und geschmacklos. Das wachsende ökologische und gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein brachte Designer wie die Offenbacher Gruppe Des-in hervor, die sich dem Recycling-Design verschrieb. „Anti-Design“ wurde populär: Möbel und Alltagsgegenstände vom Sperrmüll oder vom Flohmarkt und Regale aus Obstkisten wurden gesellschaftsfähig.

Form follows fun: postmodernes Design der 80er-Jahre

Als Folge der gesellschaftlichen Umwälzungen der Nachkriegszeit entwickeln sich die verschiedenen Milieus, Lebens- und Wohnstile immer weiter auseinander. In der Designszene der 80er-Jahre reichte die Bandbreite vom punkigen Anti-Design, über das sich etablierende ökologische Design bis hin zu den plakativen Entwürfen der Postmodernisten.

"Bel Air Chair" der italienischen Memphis Gruppe
„Bel Air Chair“ der italienischen Memphis Gruppe
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Philippe Starck: Zitruspresse

Die Postmoderne hat ihre Wurzeln in den späten 60er-Jahren als Architektengruppen wie Archizoom dem Brutalismus der funktionalistischen Architektur mit Ironie und Nostalgie entgegentraten. Die Moderne galt als überwunden, die strenge Ordnung als überkommen. Stattdessen bediente man sich – ähnlich wie der Historismus des 19. Jahrhunderts – bei Stilelementen aus allen Epochen, aber auch bei Comics, Filmen und allem, was sonst als Kitsch galt. „Form follows fun“ – lautete das neue Designprinzip. Besonders Ettore Sottsass und die Mitglieder der Mailänder Memphis-Gruppe, wie Alessandro Mendini, Andrea Branzi und Michele de Lucchi, spielten unbekümmert mit Formen, Stilzitaten und bunten Farben. Zum „Superstar“ wurde in den Achtzigern der Franzose Philippe Starck, dessen vielschichtige Kreationen spielerische und funktionale Elemente verbinden.

Neuer Minimalismus und Individualisierung des Designs

Die Postmoderne gilt als letzte internationale Design-Bewegung. Die verspielten, zitatverliebten Objekte von Memphis & Co. schrien förmlich nach einer neuen Schnörkellosigkeit. Einen wichtigen Kontrapunkt setzte zum Beispiel der britische Designer Jasper Morrison, dessen schlichtes „Gebrauchsdesign“ in der Tradition von Bauhaus und Ulmer Schule steht. Mies van der

Konstantin Grcic: Chair One
Konstantin Grcic: Chair One

Rohes Grundsatz „Weniger ist der mehr“ folgen auch die Objekte von Konstantin Grcic, Nitzan Cohen oder Hadi Teherani. Sie zeigen stets eine individuelle Handschrift, experimentieren mit neuen Materialien und setzen auf bewusste Brüche und eine kritische Auseinandersetzung mit Traditionen. Sie repräsentieren eine neue Reduktion auf das Wesentliche sowie eine intensive Auseinandersetzung mit Funktion, Material und Produktionstechniken.

Bereits seit den 80er-Jahren schreitet die Individualisierung des Designs weiter fort und prägt das Design der Gegenwart. Neue Herausforderungen für Designer erwachsen durch den Trend zum Selbstgemachten, zu Manufaktur-Möbeln sowie durch Anforderungen von Nachhaltigkeit und Digitalisierung.

Mit dieser Folge endet der Blick auf die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts. Mehr Möbel-Klassiker und aktuelle Design-Objekte stellen wir auf der imm Facebook-Seite sowie in den weiteren Blogs vor.

 

Quellen:

www.wikipedia.de: „Designgeschichte“
www.designwissen.net
www.solebich.de/designgeschichte
www.bbc.co.uk/homes/design/period
University of Pretoria Electronic Theses and Dissertations: A timeline furniture

Masterpieces of the past: Stil und Design in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Design befindet sich in einem stetigen Wandel. Das gilt heute ebenso wie vor 100 Jahren. Aus Trends werden Bewegungen und aus Skizzen werden Design-Klassiker, die Geschichte schreiben. So prägt die Vergangenheit die Gegenwart. Mit „Masterpieces of the past“ begeben wir uns auf eine Reise in die Vergangenheit. Es geht los mit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vom Jugendstil bis zum Industrial Design: Welche bedeutenden Entwicklungen dieser Zeit wirken bis heute?

Stuhls Nr. 14 von Michael Thonet
Stuhls Nr. 14 von Michael Thonet

Hinter vielen epochemachenden Designstücken und -stilen stehen Köpfe, die ihrer Zeit voraus waren. So auch Michael Thonet, der Erfinder des Bugholzstuhls (etwa des Stuhls Nr. 14 von 1859), der in unveränderter Form heute noch produziert wird. Aufgrund der schlichten, klaren Formen der Möbel gilt der Tischler und Möbelfabrikant als einer der Begründer des modernen Möbeldesigns. Denn dieser Stil seiner Bugholzstühle präsentierte bereits in der Frühphase der Industrialisierung einen Gegenentwurf zu den überladenden Möbeln seiner Zeit.

Die Industrialisierung brachte im 19. Jahrhundert zwar die Massenproduktion hervor, aber zunächst kein adäquates Design. Plötzlich gab es neue Produkte, wie Dampfloks oder Nähmaschinen, aber keine neue Gestaltung. Mangels Vorbildern orientierten sich die Designer der Gründerzeit – meist Künstler oder Handwerker – an historischen Idealen und am Lebensstil von Adel und Großbürgertum. Das Ergebnis: mit Ornamenten überfrachtete Architekturen und Möbel und übermäßig dekorierte, aber qualitativ minderwertige Alltagsgegenstände.

Gegen den Historismus wandte sich etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Arts and Crafts-Bewegung. Ihr Begründer, der Künstler und Sozialkritiker William Morris, setzte den minderwertigen Massenprodukten eine Gestaltung entgegen, die hochwertiges Handwerk und ästhetische Formgebung zu einem Gesamtkunstwerk erhebt. Organische Formen und die Schlichtheit der vorindustriellen Epoche markieren das Stilideal.

 

Design im 20 Jahrhundert: Jugendstil

Fortuny Leuchte, 1907, von Mariano Fortuny y Madrazo
Fortuny Leuchte, 1907, von Mariano Fortuny y Madrazo

Mit der Idee des Gesamtkunstwerks inspirierte Arts and Crafts das Design nach der Jahrhundertwende. Der Jugendstil ist der erste echte internationale Stil: Er erscheint in Frankreich als Art Nouveau, als Modern Style in England, als Liberty in Italien und Modernismo in Spanien. Der Jugendstil forderte die Verschmelzung von Kunst und Leben und verstand sich als umfassende Erneuerungsbewegung. Kunst sollte alles durchdringen: von der Architektur, über das Interieur bis hin zu den Dingen des Alltags. Doch anders als Arts and Crafts lehnte der Jugendstil die Massenfertigung nicht ab, sondern versuchte, künstlerische Gestaltung und industrielle Produktionsweisen zu versöhnen. Einig waren sich die Protagonisten auch in der Abkehr vom Historismus – darüber hinaus hingen sie sehr unterschiedlichen Strömungen an.

Blüten, Blätter, Ranken, stilisierte, der Natur nachempfundene florale Elemente und flächige Arabesken – diese eher verspielte Stilrichtung vertraten beispielsweise der französische

Schmuck- und Glasdesigner René Lalique, der amerikanische Glaskünstler Louis Comfort Tiffany, der Möbeldesigner Émile Gallé oder der frühe Peter Behrens, der 1902 die berühmte Lampe 1 kreierte. Einem strengeren, linearen Stil mit geometrischen Formen und klaren Linien folgten dagegen Designer wie Charles Rennie Macintosh, die Protagonisten der Wiener Werkstätten, oder der Italiener Mariano Fortuny y Madrazo mit seiner Fortuny Leuchte von 1907. Ihre Arbeiten kündigten das funktionale Design der 20er- und 30er-Jahre bereits an.

 

Die 20er- und 30er-Jahre: Art Deco und Bauhaus

Die Zeit nach dem Ende des ersten Weltkriegs war von extremen politischen, ökonomischen und sozialen Gegensätzen geprägt: Wirtschaftsboom und Weltwirtschaftskrise, Glamour und

Designklassiker von Wassilij Kandinksi
Designklassiker von Wassilij Kandinksi

Massenarbeitslosigkeit. Das schlug sich auch im Design der Zeit nieder: Das Ornamentale des Jugendstils etwa setzte sich im lebenslustigen Art Deco fort und fand seinen Höhepunkt 1925 in der internationalen Kunstgewerbeausstellung in Paris. Doch das Dekorative forderte eine Gegenbewegung förmlich heraus.

Eine extreme Position vertrat dabei Adolf Loos, der Begründer der modernen Architektur, in seiner Streitschrift „Ornament und Verbrechen“ von

Teapot MT49 „Medley“ von Marianne Brandt
Teapot MT49 „Medley“ von Marianne Brandt

1908: Ornamente, so Loos, seien nichts anderes als Verschwendung von Ressourcen. Der Amerikaner Louis H. Sullivan, einer der ersten Hochhausarchitekten, prägte schließlich den Gestaltungsleitsatz „form follows function“.

Dem funktionalen Design hingen verschiedene Strömungen an: etwa der Werkbund, der niederländische De Stijl oder die russische Avantgarde – sie alle beeinflussten das Bauhaus, das die Klassische Moderne begründete und das Design des 20. Jahrhunderts entscheidend prägte. Die 1919 von dem Architekten Walter Gropius in Weimar

Bibendum Sessel von Eileen Gray
Bibendum Sessel von Eileen Gray

gegründete Designschule versammelte internationale Künstler wie Marcel Breuer, László Moholy-Nagy, Wassilij Kandinsky, Johannes Itten oder Marianne Brandt. Diese „Formmeister“ setzten auf industrielle Fertigung und propagierten eine schlichte, schnörkellose Gestaltung: Möbel und Alltagsgegenstände sollten auf einfache Grundformen reduziert, einfach zu produzieren, klar und funktional sein sowie den verwendeten Materialien gerecht werden. Diese „Neue Sachlichkeit“ setzte sich rasch durch und war bereits Anfang der 30er-Jahre der vorherrschende Stil. Entwürfe wie der Stuhl B3 von Marcel Breuer oder der Teapot MT49 „Medley“ von Marianne Brandt zählen heute zu den Ikonen des Bauhaus-Designs. Großen Einfluss übte es auch auf die Irin Eileen Gray aus, eine der wichtigsten Vertreterinnen der Klassischen Moderne, aus deren Atelier beispielsweise der Bibendum Sessel und der Adjustable Table stammen.

 

Nazi-Diktatur in Deutschland – Industrial Design in den USA

Das Design der 30er-Jahre war funktional, international und demokratisch geprägt. Die Diktatur der Nationalsozialisten und der zweite Weltkrieg brachten eine tiefe Zäsur und schnitten Teile Europas, vor allem Deutschland, von der Weiterentwicklung des Designs ab. Das Bauhaus wurde verboten, etliche seiner Protagonisten wurden verfolgt und in die Emigration getrieben. Das schlichte funktionale Design von Alltagsgegenständen wurde zwar übernommen, der offizielle „Staatsstil“ griff jedoch auf pathetische, neoklassizistische Elemente zurück, um seine Macht zur Schau zu stellen.

Rock Chair von Charles und Ray Eames
Rock Chair von Charles und Ray Eames

In einigen anderen europäischen Staaten und insbesondere in den USA konnte sich das moderne, funktionale Design in den 40er- und 50er-Jahren weiterentwickeln. Emigranten wie Gropius und Breuer initiierten das „New Bauhaus“ in den USA, das auch Charles und Ray Eames beeinflusste, wie man an ihrem „Rock Chair“ unschwer erkennen kann. Auf die „Klassische Moderne“ griffen in den 50er- und 60er-Jahren auch die Vertreter des „Dansk“ Designs wie Arne Jacobsen oder Poul Hennigsen, Schöpfer der „Zapfenleuchte“ (1958) zurück.

Parallel mit der Konsumgesellschaft entwickelte sich in den USA das Industrial Design. Als sich Ende der 20er-Jahre Anzeichen für eine Überproduktion mehrten, erkannten die Hersteller die Notwendigkeit, ihre Waren attraktiver zu gestalten – und entdeckten das Produktstyling als Marketingfaktor. Die Automobilindustrie übernahm dabei die Vorhut und entwickelte das „Streamline Design“ mit seinen charakteristischen kurvigen Linien, Bullaugen und

"Zapfenleuchte“, 1958, von Arne Jacobsen und Poul Hennigsen
„Zapfenleuchte“, 1958, von Arne Jacobsen und Poul Hennigsen

Relingen. Weitere Branchen folgten. Vor allem Raymond Loewy („Hässlichkeit verkauft sich schlecht“) prägte das Design des „American way of life“. Er gestaltete Autos und Möbel, Gebrauchsgegenstände wie den „Frigidaire“ (1955), aber auch die Shell-Muschel und das Lucky-Strike-Signet. Damit prägte er den Geschmack von Generationen und beeinflusst das industrielle Design bis heute.

 

Im Folgeblog geht es um die Designentwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Weitere Design-Klassiker stellen wir auf der imm cologne Facebook Seite vor.