Discover interior ideas » Extras » Hintergrundinformationen » Designgeschichte: Midgards…

Designgeschichte: Midgards lenkbares Licht – die Wiederentdeckung eines Klassikers

© Midgard
© Midgard

Curt Fischer gilt heute als Erfinder des beweglichen Lichts. Als er 1919 eine Maschinenfabrik zur Produktion von Industrieporzellan übernahm, störte ihn die Beleuchtungssituation in seiner Firma. Bereits im gleichen Jahr fand er eine Lösung und gründete die Marke „Midgard“, unter der das Unternehmen Industriewerk Auma Ronneberger und Fischer von nun an Leuchten herstellte. Und das, obwohl das elektrische Licht damals noch in den Kinderschuhen steckte.

© Midgard
© Midgard

Nach Ende des Ersten Weltkriegs nahm die Industrialisierung auch in Deutschland wieder Fahrt auf. Die Produktionen wurden gesteigert, es musste länger gearbeitet werden. Doch für die Arbeit in den Abendstunden benötigte man Licht, viel Licht. Da es als sicherer und ökonomischer als Gasbeleuchtung galt, gewann elektrisches Licht schnell an Popularität. Doch die seinerzeit verwendeten Decken- und Pendelleuchten spendeten ausschließlich Licht von oben. Dadurch verschatteten die Arbeiter mit Körper und Kopf jedoch ihre Werkstücke. Für den Unternehmer und Tüftler Curt Fischer musste eine Lösung her. Die fand er in Form einer Gelenkleuchte. Er leitete das stromführende Kabel durch Rohre, setzte Gelenke zwischen die einzelnen Röhren. Bereits im November 1919 ließ er sich seine Idee vom Reichspatentamt patentieren: die Scherenleuchte, die auch Lichtbogen oder verstellbarer Wandarm genannt wurde. Mit dieser Leuchte konnten die Arbeiter das Licht zu sich heranziehen und den Lichtkegel im gewünschten Winkel ausrichten. Ließ man den Wandarm los, schnappte er nicht zurück und das Licht blieb genau dort, wo man es brauchte.

© Midgard
© Midgard

Diesem Entwurf folgten zu Anfang der 1920er-Jahre weitere Leuchten. Die berühmtesten sind die Modelle Nr. 113 und Nr. 114. Blendfreie Reflektoren sorgten in diesen Modellen für optimal gerichtetes Licht und schützten die Augen. Von den Midgard-Leuchten begeistert, ließ Walter Gropius die Metallwerkstätten des Bauhaus‘ Dessau mit Fischers Entwürfen ausstatten. Später wurden die Leuchten auch in den Lesesälen des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau bei Berlin verwendet. Beruhend auf diesen erfolgreichen Modellen entwickelte Fischer dann um 1930 die Maschinenleuchte, deren wartungsfreie Gelenke er ebenfalls patentieren ließ.

Während des Dritten Reichs konnte Midgard weiter Leuchten produzieren, obwohl sich Curt Fischer so gut es ging von den Nationalsozialisten distanzierte. Auch nach dem Krieg konnte Curt Fischer trotz Rohstoffmangels weiterproduzieren und seine bisherigen Entwürfe weiterentwickeln. Eine Variante der Scherenleuchte bekam einen fast zwei Meter langen Wandarm – ideal, um Zeichen- und Kartentische zu beleuchten. Zudem entstanden neben Arbeitsleuchten auch Modelle für den Wohnbereich.

© Midgard
© Midgard

Nach Curt Fischers Tod im Jahr 1956 übernahm dessen Sohn Wolfgang die Firma sowie die Marke Midgard, bis der Betrieb 1972 enteignet wurde. Es kam zur Umbenennung und Ronneberger und Fischer wurde zum VEB Industrieleuchtenbau Auma. Zwar wurde weiterhin die Maschinenleuchte produziert, doch an der Materialqualität wurde derart gespart, dass von seinen Errungenschaften nicht mehr viel übrig blieb. Waren seine Zwei-Schrauben-Gelenke einst tatsächlich wartungsfrei, mussten die Modelle, die zu DDR-Zeiten gefertigt wurden, gleich mit Schraubenschlüssel geliefert werden. Denn die nur noch einmal verschraubten Gelenke waren so einfach verarbeitet, dass man die Schrauben ständig nachziehen musste.

Nach 1989 wurde die Firma reprivatisiert, was zur Folge hatte, dass die Produktionskosten stiegen, da Arbeit und Materialien nicht weiter subventioniert wurden. Glücklicherweise hatte sich Wolfgang Fischer selbst in den schwierigen 1970er- und 1980er-Jahren die Marke gesichert und das Unternehmen konnte in Midgard Licht GmbH umbenannt werden. Zudem orientierte er sich in den 1990er-Jahren bei der Herstellung der Maschinenleuchte wieder an den Entwürfen seines Vaters. Doch der wirtschaftliche Erfolg blieb aus, trotz familiärer Unterstützung, Erweiterung der Produktpalette und gewonnener Designpreise.

2015 übernahmen David Einsiedler und Joke Rasch, die Gründer des Hamburger Unternehmens PLY, neben den Rechten an den klassischen Midgard-Leuchtenserien auch die Werkzeuge und das verbliebene Firmenarchiv mit hunderten Originalzeichnungen von Curt Fischer, Fotos, Briefen, Urkunden und weiteren Dokumenten. Die bis dahin im thüringischen Auma beheimatet Produktion wurde nach Hamburg verlegt. Hier startete im Januar 2017 wieder die Produktion der Midgard-Leuchten. Zwar heißt die ursprüngliche Maschinenleuchte jetzt TYP 500 (mit klassischem Fuß) bzw. TYP 550 (mit Maschinenfuß) – dafür werden aber weiterhin die originalen Werkzeuge und Maschinen sowie die ursprünglichen Techniken verwendet, d.h. in Alu-Druckguss gefertigte Gelenke und von Hand gedrückte Schirmen. „Wir bauen im historischen Kontext“, erklären David Einsiedler und Joke Rasch – und wollen so Licht in ein Stück vergessene Designgeschichte bringen. Zudem werden die Leuchten nach wie vor ganz im Sinne des Erfinders modular und konfigurierbar gebaut: als Tisch-, Wand-, Decken- oder Stehleuchte. Verschiedene Armlängen, Schirmformen und Farben können nach eigenen Bedürfnissen gewählt werden. Im Laufe des Jahres sollen Re-Editionen der Lenklampen sowie der Federzugleuchte folgen.

Weitere Informationen:
midgard.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.