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Maße unserer Möbel: Eine evolutionäre Entwicklung

Bei der Auswahl von Möbeln spielen Größe und Maßstab eine wichtige Rolle. Dahinter steckt weit mehr als der Wunsch, dass die Proportionen optisch zueinander passen – Möbelmaße haben ganz lebenspraktische Folgen. Die Höhe eines Sofas und die Tiefe seiner Sitzfläche entscheiden mit darüber, wie wohl sich die Benutzer fühlen, wenn sie lesen oder sich einen Film anschauen. Eine Stuhllehne, die zu niedrig ist, kann einem die ganze Mahlzeit (oder die Arbeit im Büro) verderben. Und wenn ein Fach im Küchenschrank unerreichbar ist, macht das Kochen keinen Spaß mehr.

Die Pioniere der Moderne haben sich ausführlich mit Proportionen beschäftigt und untersucht, wie sich der Mensch im Raum bewegt. Ihre Erkenntnisse setzten sie in Möbelentwürfe um. Ein berühmtes anthropometrisches Proportionsschema ist das von Le Corbusier entworfene Modulor-Schema, das lange Zeit als Standard galt und Möbelherstellern als Richtlinie diente. Doch die menschlichen Maße haben sich seitdem verändert. Wie gehen die Hersteller damit um?

Die Geschichte des rechten Maßes
Standardisierte Maßeinheiten kamen erst mit der Renaissance auf – vorher nutzte man den menschlichen Körper als Grundlage für Messungen. Die Einheiten Fuß und Zoll (feet und inches), die sich in vielen Ländern bis heute gehalten haben, sind aus diesem einfachen, überall zugänglichen Vergleichsmaßstab entstanden. Ein Fuß entsprach der durchschnittlichen Länge eines menschlichen Fußes, ein Zoll der Länge des oberen Daumenglieds, und ein Yard der Schrittlänge – oder dem ausgestreckten Arm eines Menschen, gemessen von der Körpermitte bis zu den Fingerspitzen. Gleiches kennt man von dem Maß einer Elle, abgeleitet von der Länge des Unterarms.

Das metrische System ist wesentlich abstrakter. Es setzte sich durch, nachdem die französische Akademie der Wissenschaften den Urmeter 1791 als zehnmillionsten Teil der Entfernung zwischen Äquator und Nordpol (gemessen auf dem Meridian von Paris) festlegte.

Standards der Moderne
Zwischen verschiedenen Teilen der Welt kam es wegen unterschiedlicher Maßsysteme immer wieder zu erheblichen Abweichungen – ein ständiger Stolperstein für alle, die mit Gestaltung zu tun hatten. Um die Widersprüche zu lösen, mussten die Unterschiede ausgebügelt werden. Diesen Schritt ging Mitte des 20. Jahrhunderts einer der Väter der Moderne, Le Corbusier.

Er entwickelte ein neues System mit dem Namen Modulor und beschrieb es als „Auswahl harmonischer Messwerte, die dem menschlichen Maß entsprechen – universell anwendbar auf Architektur und mechanische Gegenstände.“ Der Modulor sollte ursprünglich auf einer menschlichen Körpergröße von 1,75 Metern basieren, diese Grundlage wurde aber noch vor seiner Veröffentlichung 1948 auf 1,83 Meter erhöht. Seine erste große Anwendung fand der Modulor in Corbusiers Unité d’Habitation à Marseille.

More or Less: How Changed the Proportions of Furniture

Skizze zu Corbusiers Proportionssystem „Modulor”

Mit seinem Proportionsschema wollte Le Corbusier dem weltweit produzierten Warenstrom ein harmonisches Gerüst geben. Es sollte eher ein nützliches Werkzeug sein als ein neuer Kanon.

„Einige Male“, resümierte er später, „hatte ich mit Entwürfen vom Reißbrett zu tun, die ziemlich misslungen waren. Sie waren einfach schlecht zusammengefügt, und dann hieß es: ‚Aber das haben wir doch mit dem Modulor gemacht …‘ Also, wenn solche grauenhaften Sachen das einzige sind, was Sie mithilfe des Modulors entwerfen können, dann lassen Sie es lieber ganz. Vertrauen Sie stattdessen Ihren Augen, auf die können Sie sich verlassen.“

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Die neue Größe der Menschen
„Die Maße des Menschen haben sich über die letzten Jahrhunderte beträchtlich verändert. Das gilt vor allem für das vergangene Jahrhundert“, sagt der Designer Marco Piva von Studio Marco Piva. „Wenn ich an Napoleons Bett denke, oder an das von Kaiser Franz Joseph im Schloss Schönbrunn – sie wirken schon sehr klein, wenn man sie mit den heutigen Schlafstätten vergleicht. Dabei liegen dazwischen gerade mal zwei Jahrhunderte. Unterm Strich zeigen die Statistiken, dass die Menschen seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa viel größer geworden sind. Die Veränderung ist gewaltig. Aber ich habe den Eindruck, in der Welt der Gestaltung hat sie sich nicht besonders stark niedergeschlagen.“

Was sich tatsächlich verändert hat, meint Piva, ist die Art und Weise, in der Menschen heutzutage in ihren eigenen Räumen leben, und was dazu beiträgt, dass sie sich wohlfühlen. „Im Großen und Ganzen haben die Gegenstände ganz gewiss ihre Größe verändert, begleitet von den bahnbrechenden technischen Entwicklungen, die sich auf ihren Gebrauch auswirkten. Ich glaube, dahinter steckt vor allem der Standpunkt, dass sich der Einzelne wohlfühlen soll und es möglichst bequem hat.“

Dramatisch findet der Designer Ivan Veretennikov von Interiery Extra Klassa die Veränderungen der Möbelgrößen, die sich in den vergangenen drei bis vier Jahrhunderten ergeben haben. „Baker Furniture hat für eine Kollektione Repliken nach Vorlagen aus dem Museum gefertigt“, erzählt Veretennikov. „Dabei stellte sich heraus, dass Möbel aus dem 16. und 17. Jahrhundert tendenziell niedrigere Sitzhöhen haben.“ Die Maße betrugen 37 bis 40 Zentimeter, unser heutiger Standard liegt zwischen 45 und 50 Zentimeter.

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Updates für Designklassiker
Sogar in den vergangenen 50 Jahren ist die menschliche Körpergröße nach Angaben des Schweizer Unternehmens Vitra weltweit um durchschnittlich 10 Zentimeter gestiegen. Der Möbelhersteller schloss daraus unter anderem, dass Menschen ab einer bestimmten Körpergröße sich in seinem „Eames Lounge Chair(im Bild) vielleicht nicht besonders wohlfühlen – der Mid-Century-Klassiker wäre ihnen zu klein. „2010 beschloss unser Unternehmen daher, den Originalsessel von 1956 durch eine größere Version zu ersetzen“, sagt Vitra-Sprecherin Margarita Morozova,

„Unsere Entscheidung ergab sich aus der Perspektive, mit der auch Charles und Ray Eames, die Schöpfer des Lounge Chair, an Design herangingen. Sie verglichen einen Designer immer mit einem guten Gastgeber: Seine Aufgabe besteht darin, den Gast willkommen zu heißen und ihn mehr oder weniger zu verwöhnen. Im Büro der Eames’ war es gang und gäbe, ein Produktdesign zu überarbeiten, sogar dann, wenn der Entwurf schon in Serie gegangen war. Er wurde an neue Bedürfnisse angepasst, sofern das sinnvoll schien und den Aufwand rechtfertigte.“

Die neue Version des „Eames Lounge Chair“ hat eine größere Sitzfläche, längere Armlehnen und einen höheren Rücken. Abgesehen von diesen Anpassungen sind die Proportionen, der Aufbau und das Material gleich geblieben. „Auf den ersten Blick ist die neue Edition kaum von der ursprünglichen Version zu unterscheiden“, erklärt Morozova. Auch das Original sei weiterhin erhältlich. „Optisch ist der Unterschied nur schwer zu erkennen, aber man merkt es, wenn man in beiden Modellen gesessen hat.“

Vitra hat noch weitere Designklassiker aus dem 20. Jahrhundert einem behutsamen Update unterzogen. 2015 stellte das Unternehmen eine Neuauflage des legendären „Eames Side Chair” vor. Einige Käufer hatten bemängelt, das Original sei für die meisten heutigen Tischen und Stühlen zu niedrig.

„Wir haben die Sitzhöhe um 20 Millimeter erweitert und die geometrischen Dimensionen leicht angepasst“, sagt Edwin Gugerell von Vitra. „Optisch sind diese Veränderungen unauffällig, aber sie machen den Stuhl wesentlich bequemer, vor allem wenn man damit an einem modernen Tisch sitzt.“

Proportions

Illustration aus einem alten Möbelkatalog des Herstellers WK Wohnen (Quelle: Unternehmensarchiv).

„Wenn Möbel andere Größenverhältnisse bekommen, hängt das zum größten Teil mit dem Wandel der Gesellschaft und einer veränderten Nachfrage zusammen“, sagt Victoria Baryshnikova vom Vertriebsverband Premiumwerk. „Vor hundert Jahren hätten sich Hersteller wie die Gebrüder Thonet oder WK Wohnen wohl nicht vorstellen können, dass sie in ihre Prospekte einen Warnhinweis wie ‚Maximales Benutzergewicht: 130 kg‘ aufnehmen würden. Heute macht das jedes Unternehmen.“

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Baryshnikova ergänzt: „Die Änderungen bei der Höchstbelastbarkeit ergaben sich aus den neuen Materialien und Formen der Möbel. Die Gerüste solcher Klassiker wie des legendären Stuhls „D42“ von Mies van der Rohe oder des „Wassily Chair“ von Marcel Breuer bestehen zum Beispiel aus gebogenen Metallrohren. Auf diesen Konstruktionen verteilt sich das Gewicht ganz anders als auf einem vierbeinigen Stuhl. Das ist das Geheimnis, das hinter der Veränderung steckt.“

Flexibilität statt Standardmaß
Noch vor gar nicht so langer Zeit mussten fast alle Möbel, die nicht der engen Auswahl europäischer oder amerikanischer Standards entsprachen, maßgefertigt werden, darunter zum Beispiel Betten. „In den späten 1990er-Jahren baute der Möbelhersteller Hülsta ein 240 Zentimeter langes Bett für einen ehemaligen Basketballspieler in St. Petersburg, dessen Körpergröße 2,20 Meter betrug“, berichtet Baryshnikova. „Damals war das noch etwas Außergewöhnliches. Die Hersteller waren nicht daran gewöhnt, Möbel in dieser Größe zu fertigen. Heute sind 210 bis 220 Zentimeter lange Betten häufig zu finden, im oberen Marktsegment ebenso wie im unteren.“

„Im Schlafzimmer haben sich erwartungsgemäß die Proportionen der Betten und der Matratzen erheblich vergrößert“, bestätigt der Designer Marco Piva. „Auch im Bad ist einiges größer geworden, zum Beispiel die Wannen und vor allem die Duschkabinen. Heute betrachten die Menschen ihr Haus nicht nur als ihren persönlichen Heimathafen, sie geben ihm auch eine soziale Bedeutung, allerdings eher informell und zwanglos“, fasst Piva zusammen. „Daraus folgt, dass die Gegenstände vor allem flexibel sein müssen – das ist der eigentliche Schlüsselbegriff im modernen Design.“

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Viele Hersteller überprüfen mittlerweile ihre Kollektionen und passen die Möbel an die veränderten Gewohnheiten und Größen an. Ikea hat zum Beispiel seine Einbauküchen grundlegend verändert, nachdem das Unternehmen eine Reihe ergonomischer Studien durchgeführt hatte. Das Küchensystem der neuen Generation nennt sich „Metod und ist modular aufgebaut: Die Schränke, Schubladen, Türen und Küchenfronten (im Bild) gibt es in vielen verschiedenen Höhen, Breiten und Fassungsvermögen. „Die Küchenschränke sind heute modular, damit die Möbel auch wirklich in jede Küche passen“, sagt Roy Hesling, der die Abteilung für Interior Design bei Ikea Russland leitet.

„Der Wettbewerb bringt die Unternehmen dazu, neue Lösungen für individuellen Komfort zu finden. Man findet mittlerweile bei allen Möbeln eine breite Auswahl unterschiedlicher Größen. In der Mode gab es die gleiche Entwicklung: Vor zwanzig Jahren war es noch fast unmöglich, Damenschuhe in Größe 41 zu finden (was bestimmt nicht daran lag, dass es niemanden mit dieser Schuhgröße gab), heute ist das gar kein Problem mehr“, sagt Piva. „Design und Mode kommen den Bedürfnissen des modernen Menschen entgegen, und auf dieser Grundlage entsteht eine viel größere Auswahl von Möglichkeiten.“

Ist Corbusier also überholt?
Die Standards für Möbelgrößen, die zur Zeit von Le Corbusier eingeführt worden, gelten noch immer: Für einen Esstisch empfiehlt sich eine Höhe zwischen 72 und 78 Zentimetern (vom Boden bis zur Tischoberfläche), die Standard-Sitzhöhe für Stühle liegt zwischen 40 und 45 Zentimetern (vom Boden bis zur Sitzfläche), bei Sofas beträgt sie 42 cm.

Doch die meisten Möbelhersteller haben mittlerweile mehr als die Standardgrößen im Programm. Wir müssen uns nicht mehr in ein zu enges Bett zwängen oder unsere Kniegelenke überstrapazieren, um ein Fach im Küchenschrank zu erreichen. Die Auswahl ist groß genug, und viele Möbelsysteme sind modular aufgebaut. Es ist einfacher geworden, für jedes Familienmitglied die richtigen Möbel zu finden – ob groß oder klein.

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Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht auf Houzz.
Author: Елена Игумнова

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