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The World@Home:
Interview mit Tham & Videgård

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Martin Videgård and Bolle Tham
© Jonas Lindström

Ein Gespräch mit den Stockholmer Architekten Bolle Tham und Martin Videgård über skandinavische Einflüsse in ihrer Arbeit und ein Wohnhaus, das von 2 Millionen Schweden erbaut wurde.

Bolle Tham, Martin Videgård, wie wichtig ist skandinavische Architektur als Hintergrund für Ihre Arbeit?
Tham: Skandinavische Architektur hat ihren Ursprung in einer langen Bautradition mit starkem Bezug zur Natur. Und sie ist auch von der Idee des demokratischen Wohlfahrtsstaats beeinflusst. Es finden lokale Materialien Verwendung, begrenzte Ressourcen werden gezielt eingesetzt und es besteht ein Interesse für den Alltag der Menschen, wozu in der Ära des Wohlfahrtsstaats auch ein großer Idealismus kam. Das Ergebnis ist ein Erbe, das aus sowohl pragmatischer als auch poetischer Architektur besteht.

Videgård: In jüngster Zeit hat eine neue Generation von Architekten ihr Verständnis dieser Tradition eingebracht, was zu einer wachsenden Zahl von Büros führt, in denen man eine entsprechende, kontextbezogene Herangehensweise entwickelt, parallel zu einem Interesse an Tektonik und räumlicher Gestaltung – ein Ansatz, den wir sehr vielversprechend finden.

Lagnö House, Tham & Videgård Arkitekter 2012 10
Tham & Videgård Arkitekter: Summerhouse Lagnö, Stockholm archipelago, Sweden
© Åke E:son Lindman

Ein Thema, das sich durch mehrere Ihrer Entwürfe zieht, ist in der Tat die Beziehung zwischen Architektur und Natur. Entspricht dies einem Trend in Skandinavien?
Videgård: Für uns ist es kein Trend, es macht einfach Sinn, immer von dem spezifischen Standort auszugehen und sorgfältig und effizient mit bestehenden Ressourcen zu planen. Wir hören oft, dass ein charakteristisches Merkmal unserer Arbeiten die Art und Weise ist, in denen diese mit ihrer Umgebung in Beziehung stehen – und in vielen Fällen ist das eine natürliche Umgebung. Auch wenn wir nicht an einen bestimmten nordeuropäischen Ansatz glauben, hat die Erfahrung, mit dem Zugang zu unberührter Natur aufgewachsen zu sein, doch ein gewisses Interesse und Verständnis dafür hervorgebracht, wie Architektur in Beziehung zu ihrer Umgebung tritt – sei es nun eine städtische, ländliche oder natürliche – und wie diese Beziehung als ein Vehikel genutzt werden kann, um die hinter einem Entwurf stehende Idee in jedem gegebenen Kontext zu unterstützen.

Tham: Man könnte sagen, dass es vor allem die Annäherung an den Kontext ist, der bestimmt, ob ein architektonisches Projekt funktioniert – sowohl innerhalb seiner Umgebung als auch zu seiner Zeit. Daraus folgt, dass Architektur eng mit dem gegebenen Kontext verbunden, fest in ihm verankert sein sollte, um ihren Platz in der Realität einnehmen zu können.

Lagnö House, Tham & Videgård Arkitekter
Tham & Videgård Arkitekter: Summerhouse Lagnö, Stockholm archipelago, Sweden
© Åke E:son Lindman

Ihre Wohnhäuser zeichnen sich durchgehend durch eine ausgesprochene Klarheit aus. So auch das „Hemnet Home“, das ja das Ergebnis eines beinahe demokratisch zu nennenden Datenexperiments ist. Könnten Sie uns dies etwas näher erläutern?
Videgård: Das Haus basiert auf zwei Komponenten: Eine direkte Interpretation der statistischen Auswertung der aggregierten Daten aller Nutzer der schwedischen Immobilien-Webseite Hemnet ergab jeweils gemittelte Werte, die maßgeblich waren für die messbaren Eigenschaften des Hauses wie Größe, Preis oder Anzahl der Räume, Badezimmer und Geschosse. Hinzu kam eine Lesart des schwedischen Hauses, wie sie sich für uns in zwei ikonischen Typologien niederschlägt: dem roten Landhaus aus Holz, das für die Geschichte steht, für lokale Ressourcen, Handwerk und die schwedische Tradition des Bauens – und der weißen, funktionalistischen Box, die das Moderne verkörpert, den Optimismus, die industrielle Entwicklung, den Wohlfahrtsstaat und internationale Ideale. Das Ziel bestand darin, eine Architektur zu schaffen, die die Statistik mit den Merkmalen dieser beiden Typologien kombiniert.

Tham: Das Ergebnis ist eine teils auf mathematischem Wege generierte Übersetzung des statistischen Ergebnisses von 1,5 Etagen in einen kubischen Körper, der mit seiner eingepassten Terrasse und dem – einen Teil des oberen Geschosses einschließenden – Luftraum voll ausgenutzt wird. Dies entspricht Statistiken, die auf den Wunsch nach einem Balkon oder einer Terrasse sowie nach einer offenen Küche hinweisen. In unserer Interpretation ist die Küche daher einer der wichtigsten sozialen Räume des Hauses, was hier dadurch unterstrichen wird, dass sie über zwei Geschosse reicht und sowohl den Essbereich als auch die Treppe aufnimmt.

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Tham & Videgård Arkitekter: The Hemnet Home, project, Sweden
© Tham & Videgård Arkitekter

Profil
Bolle Tham und Martin Videgård gründeten 1999 ihr Architekturbüro in Stockholm. Seitdem haben sie international beachtete Projekte verschiedener Typologien und Größen realisiert. Tham und Videgård lehren regelmäßig in verschiedenen Ländern, u.a. jüngst als Gastprofessoren in Düsseldorf, und haben an internationalen Events wie der Architekturbiennale in Venedig teilgenommen. Ihre Arbeiten erhielten zahlreiche Auszeichnungen. Ihr Kunstmuseum im schwedischen Kalmar wurde für den Mies van der Rohe Award 2009 nominiert.

www.tvark.se

Das Gespräch führte Broekman + Partner

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