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Interview mit Lyndon Neri: „Wir wollen die Renaissance zurückbringen.“

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Lyndon Neri und Rossana Hu, die Gründer von Neri & Hu Design and Research Office in Shanghai, gestalten die 2015er-Ausgabe der Wohnraum-Installation „Das Haus – Interiors on Stage“ auf der internationalen Einrichtungsmesse imm cologne in Köln. Lyndon Neri erläutert die Idee hinter dem Entwurf mit dem Titel „Memory Lane“. Seine klare Haltung macht deutlich, warum Neri & Hu mittlerweile nicht nur in Shanghai, sondern weltweit zu den interessantesten, weil vielschichtigsten Architekten zählen, die Design und Architektur, Altes und Neues sinnvoll zu verbinden wissen.

Lyndon, Ihr Entwurf für die Wohnrauminstallation „Das Haus“ auf der nächsten imm cologne sieht völlig anders aus als die drei vorhergegangenen Häuser. Sie selbst sprechen von einem Metallrahmen, der Käfig-artige Container für unsere Möbel und Wohnrituale zusammenfasst. Was steckt dahinter?
Wir wollen das Verständnis vom Heim und vom Zuhause-Sein hinterfragen und den Besuchern eine andere Perspektive vermitteln, indem wir sie „Das Haus“ auf zum Teil vorgegebenen Wegen und mit eingeschränkten Sichtachsen erleben lassen – wie ein Museum der Wohnrituale. Wir wollen die Frage provozieren, wieviel Zuflucht und wieviel Käfig unsere Häuser darstellen.

Im Sinne eines Gefängnisses für die Bewohner oder eines musealen Aufbewahrungsortes?
Beides. Zum einen finden wir, dass heute zu viele Möbel als Designobjekte behandelt werden statt als Gebrauchsgegenstand. Dabei drängt sich auch die Frage auf, ob unsere Möbel wirklich ein ganzes Leben lang halten müssen? Wer dient hier wem? Zum anderen fragen wir nach dem wahren Charakter von Häuslichkeit, sei es in Form von Essgewohnheiten oder von Möbeln.

Ist das nicht eher eine philosophische Frage?
Es ist ein Weg, den eigenen Standpunkt zu überprüfen. Nehmen Sie einen Vogel in seinem Käfig: Er ist beschützt, er wird abends mit einem Tuch abgedeckt, er wird gefüttert, er singt Lieder, die sein Herr ihm beigebracht hat, und er ist vor allem eins: schön. Ist er darum frei? Oder ist die Taube auf dem Markusplatz in Venedig frei, die doch jederzeit von Passanten getreten werden oder verhungern kann? Manche Menschen bevorzugen ein Haus mit Aussicht auf eine ländliche Idylle – sind sie deshalb wirklich in ihrer eigenen Welt gefangen, oder sind es die anderen, die sich mit dem chaotischen urbanen Leben arrangieren und argumentieren: „Die kennen es nicht, das wahre Leben“?

Wie lässt sich so etwas darstellen?
Wir haben einen zweistöckigen Aufbau geplant, in dem nicht nur Interieurs gezeigt werden, sondern in dem auch ein kuratierter Weg durch „Das Haus“ beschritten werden kann. Dabei entsteht ein komplexes Spiel von Räumen innerhalb des von uns gesetzten Rasters. Die Besucher können die Käfige mal von außen und mal von innen erleben, ohne dass sie das geplant haben.

Sie sind ja auch die ersten Architekten, die Das Haus gestalten – bisher sind in der Reihe der Guests of Honour nur Designer gewesen. Wie beeinflusst diese Aufgabe Ihre Arbeit als Designer und Architekt?
Alles, was wir machen, hat eine raumbezogene Komponente – auch unsere Möbel. Diesen Weg wollen wir fortsetzen. In dieser Hinsicht ist „Das Haus“ ein sehr interessantes Projekt. Es zwingt mich, weiterzudenken.

Warum war die allmählich wieder aufblühende Tradition der Designer-Architekten – angefangen von Le Corbusier oder Adolf Loos bis zu Arne Jacobsen – Ihrer Meinung nach so lange unterbrochen?
Ich glaube, dass die Architekten damals in Amerika, wo wegen des ökonomischen Wachstums die meisten neuen Projekte entstanden, die Kontrolle über ihre Projekte und damit auch ihren Einfluss verloren. Alles wurde immer größer und musste immer schneller gehen – ähnlich wie heute in China. Sie haben immer mehr Aufgaben abgegeben: die Gestaltung des Interieurs, der Textilien, der Möbel. Das Ergebnis war eine Welt von Spezialisten. Genau die begegnet uns heute, wenn wir in Amerika ein Meeting mit einem Kunden haben: Da gibt es einen Spezialisten für Fenster, für Holz, für alles. Das führt dazu, dass keiner den ersten Schritt tun will, nach dem Motto: Zeichne du zuerst mal was, dann machen auch wir einen Entwurf. Das kann einen schon verrückt machen. Darum predigen wir in China: Wir wollen die Renaissance zurückbringen.

Aber es gab doch auch einen echten Bedarf an Spezialisierung, oder? Die groß gewordenen Architekturbüros können sich heute doch nur mit ganzheitlichen Projekten beschäftigen, weil sie die Kompetenz im Haus haben?
Ja, das ist natürlich eine allgemeine Entwicklung. Wir haben ja auch ein internes Produktteam, wodurch die Auseinandersetzung zwischen den Disziplinen zu uns verlagert wird. Alle Architekten denken, dass sie designen können, und alle Designer denken, dass sie bauen können. Ich denke das nicht, aber wir lassen sie machen und diskutieren die Ergebnisse dann gemeinsam. Alle Produkte entstehen im ständigen Dialog zwischen diesen Disziplinen – als echte Teamarbeit.

Also ein sehr interdisziplinäres Arbeiten, und das zwischen verschiedenen Nationalitäten?
Ja, bei uns sind über 20 Nationalitäten vertreten. Das ist heute aber auch nichts Besonderes mehr, auch nicht in Asien.

Aber als Verantwortliche, die auswählen und inspirieren, geben Sie und Rossana den Werken von Neri&Hu doch sicherlich so etwas wie einen asiatischen Charakter. Lässt sich das an etwas festmachen?
Ich vermute, es lässt sich niemals vermeiden, dass sich die eigene Sozialisierung in der Arbeit widerspiegelt. So interessiere ich mich zwar sehr für Details und für Räume, aber die ganz großen, überwältigenden Raumeindrücke sind weniger meine Sache. Wir tendieren nicht zur großen Geste. Vieles, was wir machen, hat einen seriellen Charakter, und darin zeigt sich vielleicht am ehesten unsere Herkunft.

Und worin unterscheiden Sie sich untereinander?
Bei uns ist Rossana die maskulinere Designerin, und ich derjenige mit dem femininen Touch. Ihr Design ist rauer, und sie ist tougher, während ich mehr ins Detail gehe. So sehen wir unser Design, und daraus ergibt sich auch unsere Arbeitsweise. Sie hat keine Angst, die Dinge hässlich aussehen zu lassen, wenn nur das Konzept stark ist. Für mich ist Voraussetzung, dass es schön anzusehen ist.

Gilt das auch für das Material? Für Ihre Interior Designs verwenden Sie häufig alt wirkende Materialien, richtig?
Dabei geht es um mehr als um Ästhetik. Grundsätzlich bevorzugen wir natürliche Materialien – natürliches, manchmal sogar rohes Holz, natürliches Metall, natürlichen Stein. Es würde uns schwerfallen, in Karim Rashids Designwelt zu arbeiten. Auch wenn wir seine Arbeit respektieren – es ist es nicht unsere Welt. Aber wir verwenden Altes nicht um seiner selbst willen. Das Waterhouse Projekt oder das Design Commune Haus waren vor allem Statements. Wir wehren uns gegen die Haltung in unserer Gesellschaft, alles Alte zu zerstören, nur um etwas Neues zu bauen. Das Neue muss nicht immer besser sein. Das ist unsere Überzeugung. Und wenn nicht wir dieses Statement abgeben, wird es keiner in dieser Stadt tun.

Und wie reagieren Ihre Kunden darauf?
Sie müssen unsere Prämisse akzeptieren, wenn sie zu uns kommen. Vielen scheint es nur darum zu gehen, etwas Neues zu bekommen. Doch wir wägen bei jedem Projekt neu ab, ob Vorhandenes weichen muss oder sich sinnvoll integrieren lässt. Altes nur um seiner selbst willen zu übernehmen oder einzufügen wäre schließlich auch falsch, denn dann wäre es lediglich dekorativ.

Wieso gibt es so wenig Projekte wie das Waterhouse?
Für Architekten ist es einfacher, mit einer Tabula rasa-Mentalität alles niederzureißen und von Null anzufangen. Für das Haus und den Showroom von Camper haben wir hingegen erst gefragt: Soll es ein Camper-Haus in Shanghai werden oder ein Haus in Shanghai, in dem Camper-Produkte sind? Und weil auch der Kunde die Idee mochte, etwas von dem Stoff zu erhalten, aus dem diese Stadt gebaut ist, haben wir uns Holz und Metall aus drei umliegenden Abriss-Baustellen zusammengesucht und sie für den Camper-Showroom neu zusammengefügt. Das einzige, was dort wirklich neu ist, sind die Produkte.

Warum ist Ihnen die Materialfrage solch großen Aufwand wert?
Material ist wichtig, weil es manchmal eine Geschichte erzählt, die uns Informationen über die Zukunft gibt. Diese Idee ist auch in unser „Haus“ auf der imm cologne 2015 eingeflossen. Es soll zeigen, dass wir uns an die Vergangenheit erinnern müssen, um die Zukunft zu verstehen. Architektur und Räume bestehen aus Schichten, die ein Schatten unserer physischen wie emotionalen Existenz sind. Deshalb arbeiten wir auch gerne mit Spiegeln. In den Shanghaier Lane Houses ist dieses Prinzip stetig aufgetragener, unterschiedlicher Schichten gut abzulesen. Aber das ist nicht nur ein chinesisches Phänomen, sondern etwas, das sich in jeder Stadt ablesen lässt. Daher rührt auch der Name unseres Entwurfs: „Memory Lane“.

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