Discover interior ideas » Allgemein » Designer sind Problemlöser: Ein…

Designer sind Problemlöser: Ein Gespräch mit GRAFT

Das Architekturbüro GRAFT realisiert mit seinen Büros in Berlin, Los Angeles und Beijing Projekte vom Produktdesign bis zum Städtebau. Bei der imm cologne 2014 ist das Büro mit dem Sitzmöbel „Fat Tony“ für ipdesign vertreten. Im Interview spricht GRAFT über Wohn- und Hotelbauten auf verschiedenen Kontinenten, eine eigene Produktlinie und Herausforderungen der Zukunft.

 

GRAFT Partner (v. l.): Wolfram Putz, Gregor Hoheisel, Thomas Willemeit und Lars Krückeberg Copyright: Ali Kepenek
GRAFT Partner (v. l.): Wolfram Putz, Gregor Hoheisel, Thomas Willemeit und Lars Krückeberg
Copyright: Ali Kepenek

Sie haben jüngst den Wettbewerb für ein Hotel- und Wohnprojekt im Land Salzburg gewonnen, das historische mit vorwärtsgewandter Architektur verbindet. Wo lag die besondere Herausforderung?

Beim konkreten Projekt „Hotel Lofer“ lag sie insbesondere darin, die Maßstäblichkeit des gewachsenen Ortes mit der neu anzusiedelnden Baumasse und deren Funktionen in Verbindung zu setzen. Ein komplettes Eliminieren der Geschichte eines Grundstücks, also ein völlig autistischer und autonomer Neuanfang, hätte dort nicht gepasst. Wir haben uns entschieden, die äußeren Fassaden dort, wo ihnen im Stadtraum bestimmte Blickpunkte und maßstäbliche Randfunktionen zukommen, zu erhalten und dahinter eine sowohl gestalterisch anspruchsvolle als auch technisch innovative und nachhaltig der Zukunft zugewandte Architektur zu erstellen. Prägend ist dabei, dass sich das neue Gebäude über die Kanten der Giebelscheibe erhebt. Das neue Haus bekräftigt das tief verwurzelte Kulturverständnis dieses Ortes: Zukunft braucht Herkunft.

GRAFT: Hotel Lofer, 1. Preis Wettbewerb 2013, Lofer, Österreich Copyright: GRAFT
GRAFT: Hotel Lofer, 1. Preis Wettbewerb 2013, Lofer, Österreich
Copyright: GRAFT

Sie haben Hotels und Wohnbauten für unterschiedlichste Orte wie Berlin, Georgien, China oder New York entworfen. Inwieweit lassen sich europäische Erfahrungen etwa auf China übertragen? Wo liegen entscheidende Differenzen?

Europäisches Design gehört als Nutzer- und Autorenkultur sicherlich zu den globalen Schwergewichten. Dies bedeutet dennoch nicht, dass man die missionarische Haltung des „International Style“ des 20. Jahrhunderts in das 21. und europäische Standards als „gestalterische Allheilmittel“ in andere Länder, Märkte und Gesellschaften tragen sollte. Grundsätzlich kann man an diese Aufgabe auf zwei Arten herangehen: sich entweder über Gemeinsamkeiten oder über Unterschiede der Menschen Gedanken zu machen. Sicherlich ist es grundsätzlich ein guter Startpunkt, das Gemeinsame herauszufiltern; dazu gehören ergonomische Thematiken, Ernährung, Wärme, Kälte und weitere archaische Themen, die unabhängig von Standorten sehr ähnlich gewichtet werden. Die große allgemeine Erfahrung, die man von Europa nach China oder umgekehrt mitbringt, wird jedem guten und erfahrenen Designer helfen. Aber auch hier gilt: zuerst zuhören und verstehen, denn die Einbettung regionaler Identitäten wird in einer globalisierten Welt immer wichtiger. Es gibt in anderen Kulturen beispielsweise große Unterschiede in Bezug auf das traditionelle Verständnis von Raumbedarf. Japan und China sind Kulturen, in denen traditionell auf viel engerem Raum zusammengelebt wird. Im Sinne einer Designentwicklung sind auch heute noch die Grundrisse moderner Hochhäuser bei gleichen Preisen viel kompakter, aber in ihren Raumzonen auch hybrider, als auf dem europäischen Markt.

GRAFT: Hotelprojekt Mystery Bay, Lingshui Bay Masterplan, China Copyright: GRAFT
GRAFT: Hotelprojekt Mystery Bay, Lingshui Bay Masterplan, China
Copyright: GRAFT

 

Ihre Projekte vom Städtebau über Architektur bis zum Interior Design sind durch ganzheitliche Raumkonzepte geprägt. Zugleich arbeiten Sie auch im Produktdesign. Was erwarten Hersteller von einem Entwurf von Graft etwa für ein Möbelstück oder ein Sanitärobjekt?

Im Produktdesign müssen Gesetzmäßigkeiten des Marktes und Prozesse der Produktherstellung beachtet werden. Dennoch wünschen sich die meisten Hersteller, dass wir unsere innovative Handschrift und besondere Identität in das Produkt hineingeben. Ein Produkt soll immer auch mit der Autorenschaft unserer Firma betitelt werden können. Deswegen werden diese Designobjekte im Sinne eines ganzheitlichen Raumkonzepts auch als starke Attraktoren sehr individuell in den Vordergrund gedacht. Natürlich kommt es hier, je nach Projekt, zu unterschiedlichen gestalterischen Gewichtungen, dennoch geht es oft darum, im Entwurf den Aufschlag für etwas Besonderes zu machen.

GRAFT: Loft Hausvogtei, Interior, Berlin Copyright: Tobias Hein GRAFT
GRAFT: Loft Hausvogtei, Interior, Berlin
Copyright: Tobias Hein

Angestoßen durch bei Ihnen derzeit anstehende sehr große Residential-Projekte planen Sie die Entwicklung einer eigenen Produktlinie, die von Türgriffen über Fliesen bis zu Sanitärobjekten reicht. Was können wir erwarten, was sind die leitenden Ideen?

Im Gegensatz zu Auftragsarbeiten, bei denen die Hersteller explizit nach dem Besonderen bei Graft suchen, werden wir bei unseren eigenen Produktlinien auch für die breite, modernes Design nachfragende Masse entwerfen. Wir nennen die neue Produktlinie, die wir auch selber herstellen lassen werden, „Inhouse“, als Verweis auf ihre Einbettung in die Graft-Designwelt. Dadurch verfolgen wir auch den alten Traum des Architekten, durch das Gestalten seiner Ausstattungsprodukte sich dem Gesamtkunstwerk zu nähern. Jedoch sind diese Designs so zurückhaltend, dass sie sich in viele verschiedene moderne Stilsprachen integrieren lassen. Dabei haben wir uns während des Designprozesses vom Bauhaus-Gedanken inspirieren lassen und im Geiste des Braun-Designers Dieter Rams Gestalt entwickelt. Unser gestalterischer Impuls ist im Allgemeinen sehr expressiv und innovativ. Dennoch sind wir mit der neuen Linie sehr interessiert daran, modernes und gleichzeitig günstiges Design zu produzieren, das für die meisten Bürger auch in ihrer Geschmackswelt heimisch werden kann. Dadurch sollen die Produkte das Potenzial haben, Klassiker zu werden, also auch gestalterisch nachhaltig sein.

 

GRAFT: Villa Vienna, Interior im ehemaligen Präsidentenpalais, Wien Copyright: Tobias Hein
GRAFT: Villa Vienna, Interior im ehemaligen Präsidentenpalais, Wien
Copyright: Tobias Hein

Mit Blick auf unsere sich wandelnden Lebensvorstellungen: Bei welchen Themen und in welchen Ländern sehen Sie künftig die größten Herausforderungen im Architektur- und Designbereich?

Die Orte der nächsten großen Herausforderungen auszumachen, ist nicht einfach. Es gibt eigentlich in fast jedem Land große Probleme demografischer Art, in Deutschland beispielsweise die Überalterung und die Versorgung mit medizinischer Infrastruktur, beides Aufgabenbereiche, die uns sehr interessieren. Das gesamte Thema der Nachhaltigkeit ist wiederum kein geografisch auf Länder begrenzbares Thema, das trotz trendiger Abnutzungen noch viel Innovationsbedarf beinhaltet. In großen Maßstäben sind die Projekte, die wir im städtebaulichen Bereich bearbeiten, besonders interessant, da hier die bedeutenden Probleme und viele kleine Stellschrauben der Gesellschaft behandelt werden können. In unserem Büro in Beijing arbeiten wir an großen Masterplanprojekten, die sich damit beschäftigen, wie explodierende Bevölkerungs- und Wohlstandseffekte in Kombination mit Landflucht und wahnsinnigem Stadtwachstum herstellbar und abbildbar sind. Wir haben uns in den letzten Jahren zudem verstärkt auf Afrika konzentriert – auf den ersten Blick vielleicht überraschend, da der Kontinent nicht unbedingt Märkte für sogenannte Avantgarde-Architekten bietet. Wir haben dort neue Firmen mit neuen Partnern, wie die Solarkiosk GmbH, gegründet, mit Niederlassungen in mehreren Ländern. Uns interessiert dabei nicht nur eine gute Gestalt, sondern auch gute energetische und technische Performance der Gebäude. Konkret arbeitet die Solarkiosk GmbH in Afrika gerade daran, energieautonome Fertighaussysteme im offgrid-Bereich der Subsahara herzustellen. Durch die wachsenden Bevölkerungszahlen und die sich glücklicherweise wandelnden wirtschaftlichen Bedingungen entstehen in den ländlichen Regionen neue Bedürfnisse nach Architektur und energetischer Versorgung in einem besseren Qualitätsmaßstab. Solchen neuen Aufgaben möchten wir uns stellen, denn Designer sind über das Gestalterische hinaus eigentlich nichts anderes als Problemlöser.

GRAFT: TOR149, Wohnhaus in Berlin-Mitte Copyright: Tobias Hein
GRAFT: TOR149, Wohnhaus in Berlin-Mitte
Copyright: Tobias Hein

 

www.graftlab.com

 

Das Gespräch führte BROEKMAN+PARTNER